Jugendforscherin Polak: Bildung und soziales Umfeld von Jugendlichen entscheiden über Einstellung zum Nationalsozialismus
"Welcher
Tag ist heute?" Die Antworten, die derStandard.at bei jungen Studenten
am 20. April auf die Frage erhielt waren eindeutig: "Keine Ahnung",
"Dienstag" oder "Ist heute schon Bundespräsidentenwahl?" Keiner der
Befragten wusste, dass an diesem Tag Adolf Hitler 121 Jahre geworden
wäre, wenn er sich 1945 nicht selbst das Leben genommen hätte. Hitlers
Geburtstag ist aber offenbar noch immer ein Freudentag für einige
Ewiggestrige.
So wurde in einer Facebook-Gruppe zur Geburtstagsfeier der "Braunen
Büffel" für den 20. April geladen, die daraufhin, nach zumindest ein
paar bestätigten Gästen, geschlossen wurde. Schon im Februar trafen
sich neonazistische Musikgruppen in den Niederlanden zu einer
Veranstaltung mit dem Titel "Geburtstagsfest", mit einer
Hitler-Abbildung auf dem Einladungsflyer von "Blood and Honour". Und
2001 hat Wolfgang Martinek, der als Wolf Martin bekannte "Dichter" der
Kronen Zeitung, dem Nationalsozialisten gar ein Gedicht gewidmet.
Debatte über NS-Zeit müsse weitergeführt werden
Für den 24-jährigen Studenten Dominik ist das "ganz schlimm" und
"ein Schlag in das Gesicht der Opfer des Zweiten Weltkrieges und des
NS-Regimes". Auch Johanna, die an der Hauptuniversität in Wien studiert
"macht so etwas Angst" und es ist für sie "traurig, dass sich Leute
noch immer dafür begeistern, obwohl man weiß, wozu diese Ideologien
führen können." Jus-Student Manuel plädiert dafür, dass die Debatte um
den Nationalsozialismus weitergeführt werden müsse, "zumindest solange
es Parteien in Österreich gibt, die das Thema verharmlosen, wie die
FPÖ".
Ein Drittel der Jugendlichen denkt ausländerfeindlich
Für Sozialforscherin Regina Polak, die in ihrer Studie unter anderem
die Wertewelt der Jugendlichen in Österreich analysiert hat, liegt es
vor allem an der Bildung, dem Milieu und dem sozialen Umfeld eines
Jugendlichen, welche Einstellung er zum Nationalsozialismus hat. "Es
gibt zwar keine genauen empirischen Daten zu nationalsozialistischen
Gesinnungen unter Jugendlichen in Österreich, aber die Zahlen zu
fremdenfeindlichen Einstellungen sind schon alarmierend genug", sagt
Polak zu derStandard.at. Sie verweist darauf, dass etwa ein Drittel
aller österreichischen Jugendlichen ausländerfeindlich denken.
Medienpräsenz des Themas durch Rosenkranz
Vor allem seit Barbara Rosenkranz ihre Kandidatur bei der
Bundespräsidentenwahl am 25. April angekündigt und durch kryptische
Aussagen im Bezug auf Gaskammern im NS-Regime auf sich aufmerksam
gemacht hat, ist das Thema Wiederbetätigung und Nationalsozialismus
wieder medial präsent. Für den 27-jährigen Studenten Ingo ist diese
Präsenz auch gut, denn nur so könnten die "schrecklichen Taten im
Gedächtnis behalten werden. Und vielleicht finden sich in der
öffentlichen Debatte dann für den einen oder anderen auch Argumente
gegen eine rechte Einstellung".
Bundespräsidentschaftswahl für Jugendliche uninteressant
Die Bundespräsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz dürfte für
Ingo aber Österreich "niemals repräsentieren" und auch für Dominik ist
sie "unwählbar, weil sie ständig am rechten Rand entlang rutscht."
Seiner Meinung nach sollte „ein Bundespräsidentschaftskandidat keine
eidesstattliche Erklärung zu seiner Einstellung zum Dritten Reich
ablegen müssen". Für Manuel bleibt Rosenkranz auch dann
"unglaubwürdig", "wenn sie noch hunderte Erklärungen unterschreibt".
Polak ist der Ansicht, dass manche Jugendlichen "sehr reflektiert"
mit der nationalsozialistischen Vergangenheit umgehen, sie aber "nur
eine geringe Verbindung zu aktuellen Ereignissen oder Personen
herstellen". Das bedeute, dass viele die Aussagen von Barbara
Rosenkranz zum Verbotsgesetz nicht mit den Verbrechen des
Nationalsozialismus in Zusammenhang bringen.
Politisches Engagement unter Jugendlichen nicht neu
Politisches Engagement zeigen junge WählerInnen aber trotzdem immer
deutlicher. Immer öfter organisieren sich Demonstrationen in Social
Networks wie Facebook oder Twitter. So fand im Jänner eine Demo gegen
den rechtsextremen WKR-Ball der Burschenschaften statt. Auch am 25.
März demonstrierten über 6.000, überwiegend junger, Menschen beim
"Lichtertanz gegen Rosenkranz". Bei der "Geschichtsstunde für
Rosenkranz" schließlich legten am 20. April alle Teilnehmer Zettel für
die 100.000 ermordeten Österreichern im KZ nieder.
Für Polak ist diese Art von Engagement aber kein neues Phänomen.
"Schon seit den 90er-Jahren beobachten wir, dass junge Menschen mit
Bildung verstärkt politisch aktiv werden, vor allem seit den
Studentenprotesten im vergangenen Jahr hat sich das verdichtet." Auch
Dominik war Teil des Lichtertanzes und denkt, dass "solche Aktionen
wichtig sind, da sie zeigen, dass es einen Widerstand gegen rechtes
Gedankengut in Österreich gibt." Für Johanna sind Proteste insofern
"super", als "Leute sich vereinigen und zusammenhelfen, um ein
gemeinsames Zeichen zu setzen." (Bianca Blei/derStandard.at/21.4.2010)